Über die Ehrlichkeit des schlechten Benehmens

Irgendwann rund um das zweite Lebensjahr entwickeln Kinder für eine kurze Zeit eine geheime Superpower: Sie benehmen sich furchtbar daneben – und werden zu Vorbildern der Selbstermächtigung.

Mariahilfer Straße, Vorweihnachtszeit, ich fahre Slalom mit dem Kinderwagen. Drin sitzt die Tochter, Mandarinen auf dem Schoß, Summen, Genussgesicht. Da taucht zwei Meter vor uns ein Bub auf, dreht sich um, nähert sich. Natürlich, die Mandarine, in welch gustösem Licht sie plötzlich erscheint, wenn man sie selber nicht besitzen kann. „Geh weg“, bekommt er lautstark zur Antwort, mit einer Beiläufigkeit allerdings, dass nun auch seine Eltern aufmerken.

Theoretisch wäre es an mir, ein paar freundliche Worte an die Familie zu richten und meiner Tochter zu erklären – man soll ja immer alles erklären –, dass es gewisse Höflichkeitsformen zu beachten gilt. Stattdessen bin ich stolz. Gehört neu zum Repertoire, das Abgrenzen und noch dazu diese pausbäckige Coolness – ich kann mir eine stille Freude nicht verkneifen. Und tatsächlich, die Eltern des Jungen, jetzt lächeln auch sie: Ach, die ist ja noch so klein.

Wo sie wohl liegen mag, die magische Grenze, ab der es nicht mehr lustig ist, wenn sich die Tochter lautstark über jeden Pups freut; und der Papa mit ihr? Wenn ich mich so umhöre, nähert sie sich bereits in großen Schritten. Vor allem wegen des Kindergartens, der Geburtstagsfeiern, dem sozialen Miteinander.

Ja, noch so ein Faktor, denn der Pups zu Hause auf dem Sofa darf gefeiert werden, der Pups zu Gast bei Ferdinand am Essenstisch besser nicht. Komplexe Angelegenheit – was auch erklärt, warum es Sinn macht, die Maßstäbe für gutes Benehmen mit der Entwicklungsstufe des Kindes in Verbindung zu setzen. Was freilich nicht jedem so gut gelingt, wie den Eltern des Jungen auf der Mahü.

Gerade in unseren Breitengraden scheint das Benehmen eines Kindes eigentlich nur dann Wohlwollen hervorzurufen, wenn es möglichst keinen Mucks von sich gibt und einigermaßen süß dreinschaut (böse dreinschauen ist auch okay, Hauptsache es stört nicht). Um zu erleben, dass es auch anders geht, muss man sich schon aufs Lastenrad setzen und bis nach [insert location in Italy] fahren.

In dem Zusammenhang fällt mir immer die Mutter ein, die auf dem ersten Langstreckenflug ihres Babys vorsorglich einen entschuldigenden Zettel, Ohrstöpsel und Süßigkeiten an alle Passagiere verteilte. Eine Geschichte, die seit Jahren regelmäßig durch die Newsfeeds geistert, um nicht zu sagen „viral geht“.

Gibt durchaus kritische Stimmen in den Kommentaren, meistens überwiegt allerdings der Beifall für die Mutter in Form von Likes für das Posting. Woran sich ablesen lässt, welchem Druck Eltern ausgesetzt sind. Wird das Benehmen des Kindes doch schnell als Maßstab für die Bewertung ihrer Erziehung herangezogen.

Aber die eigene Höflichkeit verdoppeln, um der Unhöflichkeit des Kindes vorzubeugen?

Das führt schon sehr weit. Vor allem, weil das vermeintlich flegelhafte Verhalten des Kindes in vielen Fällen alleine dazu dient, auf einen Missstand hinzuweisen. Beispielsweise darauf, dass es überhaupt nicht leiwand ist, den halben Tag zehn Kilometer über der Erde in einem wackelnden, engen Kasten sitzen zu müssen – inklusive Druckausgleich, mit dem man womöglich noch nicht umzugehen gelernt hat.

Außerdem, gutes Benehmen sollte ja nicht zwangsläufig bedeuten, dass man die eigenen Bedürfnisse an die allerletzte Stelle setzt. Das gilt sowohl für das Kind als auch für die Mutter. Die Flughafen-„Experience“ ist schon Hölle genug – davon kann jeder ein Lied singen, der mal alleine mit Kind geflogen ist – und dann auch noch bei 300 Passagieren vorstellig werden, bevor es losgehen kann?

Das, was das Umfeld erwartet, ist eben nicht unbedingt gleichbedeutend mit dem, was das Beste für das Kind/ die Eltern ist. Also – mehr schlechtes Benehmen wagen? Naja, warum eigentlich nicht. Was spricht dagegen, wenn es aus dieser unbestechlichen, kindlichen Ehrlichkeit entspringt.

Man denke nur an das Neinsagen. Das hat nicht ganz zufällig gerade Hochkonjunktur, weil, wer nein zu anderen sagt, sagt ja zu sich und ja zu sich sagen, das tut gut. Vor allem dann, wenn es sich in Zeiten von Pandemie, Krieg und Klimakatastrophe mal anfühlt, als wäre alles irgendwie zu viel.

Einigermaßen harmonisch und hilfsbereit gesinnten Menschen kommt das eher schwer über die Lippen – während Kleinkinder eine regelrechte Obsession entwickeln. Die sagen so gut wie immer nein, auch wenn sie eigentlich ja meinen, gehen quasi auf Nummer sicher. Wohingegen wir gesellschaftlich genau in die andere Richtung tendieren, dem Nein etwas Unhöfliches andichten.

Dieser Logik folgt die weit verbreitete Einschätzung, dass es so etwas wie ein gutes und ein schlechtes Nein gäbe. Seminare, Ratgeber, eine ganze Branche will vermitteln, wie das geht, „richtig“ nein zu sagen. Also so, dass sich danach noch alle lieb haben. Da wird dann aus der Verneinung schnell eine bacheloreske Floskel: „Ich habe heute leider keine Kapazitäten für dich.“

Da nehme ich mir lieber ein Beispiel an meiner Tochter. Die würde niemals ein Nein abschwächen, nur um mich zu schonen. Natürlich kann man das auch Trotzphase nennen, aber vielleicht sind die Zweijährigen einfach die besseren Lehrer für Selbstermächtigung. Die Niedlichkeitsgrenze für ein beiläufiges „Geh weg“ habe ich zwar überschritten, aber vielleicht funktioniert ja „geh weg – bitte“.