Redundance (2015), 1. Kapitel

Zuweilen muss die Frage erlaubt sein, wo das alles begonnen hat. Doch womöglich ist es meistens besser, sich keine Fragen zu stellen.

Ich stoße also die kümmerliche Gurkenscheibe mit dem Strohhalm unter die Eiswürfel und schaue zu, wie sie sich wieder den Weg nach oben bahnt. Allein die fein gemahlenen Pfefferkörner, die jetzt ganz wild umherschwirren, haben etwas Versöhnliches an sich. Behutsam lege ich den Strohhalm beiseite, ohne dass etwas daneben tropft. Daraus zu nuckeln kommt natürlich nicht in Frage.

Sie nestelt an ihren Haaren herum, einfach weil sie weiß, dass sie sehr schön sind. Ihre Freundinnen sind sicher ganz eifersüchtig. Eigentlich kann ich mich nicht mehr entsinnen, wie wir ins Gespräch gekommen sind. Auf jeden Fall, sagt sie nun in freudiger Intonation, finde sie mich süß. Sie in diesem Irrglauben zu unterstützen, liegt mir fern. Aber gefallen tue ich gerne. Wenn es sein muss, auch zu Unrecht.

Zumal ich mir nicht ganz sicher bin, ob mein gespieltes Desinteresse reicht, um von der eigenen Nichtigkeit abzulenken. Liegt es doch durchaus im Bereich des Möglichen, dass auf mich noch nie jemand eifersüchtig war. Weder auf meine Haare, noch auf sonst irgendwas. Freunde kann ich auch an einer Hand abzählen. Halbfreunde.

Versiegte nur ihr Redeschwall. Ein plapperndes Perpetuum Mobile. Ich muss an einen alten Klassenkameraden denken. Er gehörte zu den unbeliebtesten Exemplaren. Nie an dem eigenen Stolz scheiternd, trötete er einem so lange irgendwelche Computerspiel-Geräusche ins Ohr, bis einen das natürliche Verlangen überkam, ihm mit der Außenhand in sein Gesicht zu schlagen. Nur klatschen musste es. Natürlich gebot die Höflichkeit, vorher ihn, seine Mutter oder gar Familie ausufernd zu beleidigen, aber das half nie.

Der Klassenverbund entschied folgerichtig, ihn in die Mangel zu nehmen. In dem jungen Alter verfährt man bekanntlich so perfide wie möglich – die Außenhand-Maßregelung wäre zu simpel gewesen. Der Klassenkamerad wurde in einer großen Gruppe eingekreist, in der jeder unter lautstarkem Nachäffen seiner Geräusche nach und nach näher trat, bis er sich inmitten eines beängstigenden Orchesters befand, dem mit leichten aber gezielten Stößen Nachdruck verliehen wurde. Dem hielt er nicht lange stand, er heulte, der Bann war gebrochen.

Das Leben ist grausam, keine Frage. Wenn man es so sieht, war die Schulzeit eine gute Vorbereitung. Nirgends gedeihen Kränkungen besser. Danach bleibt man seinen Lebtag lang immer auf der Hut. Dieses gesunde Misstrauen allem und jedem gegenüber – das möchte man kaum mehr missen. Ich nehme einen weiteren Schluck hochprozentigen Inhalts und wende mich wieder den Pfefferkörnern zu.

Im Spiegel der Bar gibt es viele Menschen zu beobachten. Das sollte sowieso immer die Hauptbeschäftigung bei allem sein; Menschen beobachten. Vor allem wenn sie tanzen. Da tritt das Innere nach außen. Weiß man direkt, mit wem man es zu tun hat. Einige Typen machen ironische Bewegungen zu der Musik. Ihnen ist diese Melodie wohlbekannt, das gilt es darzustellen. Ihr Feixen findet in Frauen- und auch Männerwelt unterschwellige Beachtung.

Neben uns eine andere Gruppe, die relativ offensichtlich Drogen konsumiert. Ist ja schon spät. Der Gedanke an das Morgen wäre ein verschwendeter. Und die Jugend entschuldigt ohnehin alles. Die Masse bebt. Mich hingegen beschleicht das Gefühl einer aufkommenden Einsamkeit und ich frage mich, ob ich nicht vielleicht zu alt für all das bin. Oder zu bieder. Mir fehlt es einfach grundsätzlich an Sorglosigkeit. Alles muss abgewogen werden. Selbstverständlich wird das an meiner bürgerlichen Erziehung liegen, aber man kann ja auch nicht immer alles auf die Eltern schieben.

Jedenfalls fliegen hier überall schwarze Helium-Luftballone herum, mit denen die Gäste die tollsten Dinge anstellen. Das ist lustig, das lockert auf. Von den Decken baumeln außerdem Babypupen, als habe man sie an Galgen aufgeknüpft. Verstehe ich nicht. Manchmal pustet eine Maschine so viel verdampfendes Nebelfluid in den Raum, dass man sich immer freut, wenn sie wieder damit aufhört.

Leicht außerhalb der Tanzenden steht ein junger Mann auf einem Podium mit übergroßen Kopfhörern, vor ihm ein leuchtender Computer auf dem Tisch, wie die Bibel auf dem Altar. Er schaut melancholisch drein, wie die meisten seiner Zunft. Manchmal dreht er an einem Regler, ohne dass sich der Klang aus den Boxen merklich verändert. Danach weicht er ruckartig zurück, als hätte er auf einen elektrischen Zaun gepinkelt.

Über dem Melancholiker eine Lichtanlage, die den zum Tanzen einladenden Raum in grelle Farben taucht. Gerade hat er den Geschmack getroffen, es macht: Wumms. Wirkungsmusik. Er zeigt mit dem Finger irgendwo in die Luft, streckt den Arm aus und zieht ihn wieder zu sich heran. Er wiederholt das so lange, bis die Tanzenden ihm das nachmachen. Also sprach Zarathustra. Von der Bar aus macht das einen imposanten Eindruck, als würden alle den Moment feiern.

Ihr Mobiltelefon blinkt die ganze Zeit auf, ihre Daumen antworten blind. Dann sagt sie irgendetwas und lacht mich von der Seite an. Ich lache zurück, obwohl ich unter dem Lärm unmöglich ein Wort verstanden haben kann. Klappt nicht, weil es sich um eine Frage handelte. Oups. Wiederholung. Sie will jetzt mit ein paar Leuten zu sich nach Hause, zur After Hour, wie sie sagt, ob ich nicht mitkommen möchte. Ich nicke, bin aber gleichzeitig tief erschrocken, weil mich in dem Moment die böse Ahnung beschleicht, sie könnte mir nur aus Mitleid zugeneigt sein.

Langsam gleitet sie von dem Barhocker, während sie ihr schwarzes Kleid fast unbemerkt wieder zurecht zupft. Jene nicht von der Hand zu weisende Eleganz übt auf mich jedoch eine gewisse Anziehungskraft aus und ich verdränge sogleich meine Zweifel. Außerdem ist der Drink eh schon leer. Kurz meine ich einen anerkennenden Blick des Kellners wahrgenommen zu haben, kann aber nicht einordnen, ob Trinkgeld oder Dame gemeint ist. Beides scheint mir äußerst unangemessen.

Wir verlassen den Laden. Keine Ahnung, wie ich überhaupt hier her gekommen bin. Marmorne Treppen geht es hinauf, bei denen ich mir ziemlich sicher bin, sie nicht heruntergegangen zu sein. Gerade noch Tanzfläche, jetzt Prunksaal. Die Wände scheinen aus Gold zu sein. Hätte ich auch gerne in meinem Zimmer. Fühlen sich aber ganz kalt an. Wenn Protz auch keine Lösung ist, sollte ich meine Präferenzen überdenken.

Irgendwer hat etwas auf dem Boden ausgeschüttet, sodass ich auf einer Stufe fast abrutsche. Jetzt schauen die Punktrichter genau hin. Gerade noch gelingt es mir, mich zu fangen, ohne die Hände einsetzen zu müssen. Ich war auch schon mal sportlicher. Wird wohl am Alkohol liegen. In solchen Momenten wird das überbordende Selbstvertrauen zu einem fragilen Gebilde. Aber immerhin noch sehr solide im Eindruck erwecken. Zumindest möchte ich das leichte Lächeln der Bekanntschaft, das mir jetzt zuteil wird, in eine solche Richtung deuten. Draußen auf der Straße ist die Sturzlinie überquert, Auflösung des Telemark.

Einzelne Gestalten, von denen ich gar nicht sagen könnte, ob sie zu ihr gehören, oder ob sie bloß irgendwelche Dahergelaufene sind, schließen sich uns an. Man nimmt kaum Notiz voneinander, nur das Ziel scheint das Selbe zu sein.

Mir fällt der alte Klassenkamerad wieder ein; eine Zeit in der wir Freunde waren. Wie auch immer es dazu kam. Ein Kindergeburtstag bei ihm zu Hause, seine Riesenauswahl an Computerspielen, verschiedene Konsolen im Regal. So wie man heute mit Büchern angibt. Übte auf mich jedenfalls den gleichen Zauber aus.

Oder die Plastikfiguren, die wir im verdunkelten Schlafzimmer seiner Mutter aufstellten und versteckt unter dem Bett mit Taschenlampen anleuchteten, damit sie fürchterlichen Schatten warfen. Wenn uns das gelang, lachten wir uns immer halb tot und seine Mutter – den Schrecken hinter sich – belohnte uns jedes Mal mit einem kleinen Taschengeld.

Kurz tritt die Zartheit meines Gemüts zu Tage. Eine Frage muss erlaubt sein: Was wohl aus ihm geworden ist, aus meinem Freund aus einer anderen Zeit. Von damals, als Dinge noch verloren gehen durften. Als Furzkissen die größte Freude und Brennnesseln die größten Feinde waren. Was ist nur mit uns passiert. Wann sind wir uns nur so zum Rätsel geworden.

Die Tür des Taxis schlägt heftig zu. Ich runzle die Stirn. Nur fällt meine missbilligende Geste niemandem auf: Ich habe wohl den Wagen ohne meine Bekanntschaft erwischt, ausschließlich mit der Entourage. Immerhin wissen die wohin.

Es beginnt auch gleich ein allgemeines Gemurmel, man scheint sich bekannt zu sein. Die aufkeimende Hoffnung: Keine Notwendigkeit, mich an Gesprächen zu beteiligen. Könnte mir zu pass kommen. Schließlich stünde es mir jetzt gut zu Gesicht, ein kleines Nickerchen zu machen. Doch ein dumpfes Gefühl, das mit dem Gezappel der Person neben mir zu tun haben dürfte, hält mich davon ab, meine Augen zu schließen.

 

 

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