Die Natur, ein Traum – Eine Unterhaltung mit Traumforscherin Dr. Brigitte Holzinger

Platzregen auf dem Rückweg vom Kindergarten, im Kopf bereits die Arbeit, da trete ich fast auf einen Regenwurm; der ganze Bürgersteig voller Regenwürmer, geregneter Würmer. Ich nehme den um ein Haar Plattgetretenen, wenigstens ihn möchte ich retten; in der Handhöhle (zurück?) zum Baum, dem einzigen nicht bis zum Stamm versiegelten weit und breit. Warte lange, warte im Regen, doch er liegt nur da, der Regenwurm, und regt sich nicht.

Wenn die Natur leidet, leiden dann auch die Träume?

Ich erinnere mich an frühe, sehr frühe Träume, in denen ich versuchte, Gegenstände, meistens Geschenke, eingepackt in rotes oder grünes Glitzerpapier, so fest an mich zu drücken, dass sie es mit mir bis in die Wachwelt schafften. Es war dann, als würde ich aufsteigen, wie an die Wasseroberfläche, in ein Licht hinein, die Augen öffnend, bald enttäuscht und voller Hoffnung: beim nächsten Mal.

Im Alter von fünf, vielleicht sechs Jahren hatte ich einen Traum, von dem ich glaubte, er sei besonders. Er zeigte eine komische Szene, aber das, was er mir sagen wollte, war alles andere als komisch. Davon bekam ich allerdings erst viele Jahre später eine Ahnung. Denn die Bilder des Traums vergaß ich nie. Sie hatten gesprochen wie ein Erwachsener, der in der Zeit zurückgereist ist, um sein kindliches Ich in die Arme zu nehmen.

Trotzdem traute ich den Träumen lange nicht über den Weg. Ich interessierte mich für sie. Aber ich nahm sie nicht für voll. An die Träume zu glauben heißt an sich selbst zu glauben. An sich selbst zu glauben, ist harte Arbeit.

Am Vorabend streitet man, ärgert sich, erwägt die Scheidung – dann wacht man am nächsten Morgen auf und fragt sich: Was war gestern bloß los mit mir? Das Ich, sagt Brigitte, wird beschädigt von dem, was am Tag passiert. Es entgleitet. Der Traum führt es zurück zu uns. Die Forschung spricht von „Emotionsregulation“.

Es heißt, wir würden in unserem Leben durchschnittlich 24 Jahre schlafen. Wir glauben dennoch, dass nur jene Entscheidungen zählen, die wir treffen, wenn wir wach sind.

Bin ich vor 13 Jahren nach Wien gekommen wegen des Träumens? Wegen eines Traumes? Wenn ich gefragt werde, warum Wien (zum Studieren?), sage ich, nein, nicht deswegen, mehr aus Bauchgefühl; aus Traumgefühl?

Damals, in den ersten Wiener Jahren, verfasste ich eine Masterarbeit über die Poetik des Traums bei Freud und Kafka. Besonders interessierten mich die Leerstellen – Auslassungszeichen beispielsweise als schriftsprachliche (Nicht-)Markierungen des oneirischen Unbestimmtheitsbetrags. Lücken, in denen latente Zartheiten auf lineare Erzählformen treffen; liefe der Traum geradeaus, liefe das seinem Selbsterhaltungstrieb entgegen.

Im Traum können Dinge wieder erinnert werden, die im Unbewussten so herumschwirren, aber tagsüber erfolgreich verdrängt werden.

Ich habe von Angela Merkel geträumt und von Kanye West. Habe geweint, mich zu Tode erschreckt und totgelacht. Habe die schwarzen Schatten, die Nacht für Nacht immer näher kamen, so zusammengeschrien, dass sie irgendwann verschwanden. Einmal blamierte ich mich beim Bachmann-Preis, einmal bekam ich ausschließlich gute Kritiken.

Die meisten der Träume spielen in meiner Heimatstadt Düsseldorf, die ich vor 17 Jahren verlassen habe; Straßenecken wie Honigwaben gespeicherter Erinnerung.

Zuletzt, als schon niemand mehr Masken in den Öffis trug, träumte ich, dass eine Pyramide aus rotem Licht Eingang in meinen Kopf fand und sich dort nach und nach ausdehnte, bis vom Gehirn nichts mehr übrig blieb.

Längst träume ich vom Krieg.

Es gibt derzeit mehr Anfragen von Menschen, sagt Brigitte, die Alpträume haben und sie nicht wegkriegen. Sie sagt auch: Träume helfen uns dabei, mit Krisen zurechtzukommen.

Könnten wir anhand der Träume die Geschichte der Menschheit ablesen?

Als ich an meinem Roman Jacob träumt nicht mehr arbeitete, besuchte ich einen von Brigittes Klartraum-Workshops. Ich fuhr den Gürtelradweg in Richtung Achtzehnten, wo sich ihre Seminarräume befinden, die Sonne brannte herunter, da löste sich das Hinterrad plötzlich aus dem Spanner; ich sah den Vorwärtssalto in Zeitlupe passieren. Für einen Moment war mir, als stünde ich auf dem Kopf in der Luft. Im Seminar lernte ich, dass man springen muss, wenn man dem Traum auf die Schliche kommen will. Er hat seine eigene Interpretation von Schwerkraft.

Derselbe Sommer, einige Wochen später, ich hatte mir tagsüber den Kopf rasiert, 9 mm, da griff ich durch die ehemalige Frisur, dachte, das kann doch gar nicht wahr sein, und wurde im Traum bewusst.

Der REM-Schlaf beginnt mit den Säugetieren. Es ist nach wie vor ein großes Geheimnis, was da alles passiert – aber man kann sagen, dass man im REM-Schlaf träumt.

Wieder arbeite ich an einem Roman, wieder sitze ich Brigitte gegenüber. Es waren ganz sicher die Träume, die mich hierhergeführt haben; Café Schopenhauer. »Was ich träume«, schreibt dieser als Student in sein Heft, so ist es im handschriftlichem Nachlass verbrieft, »hat während ich es träume für mich die gleiche Realität, als was ich wachend erlebe.«

Man könnte der These nachgehen, dass es der REM-Schlaf war, der den Menschen zum Menschen gemacht hat. Vielleicht werden wir irgendwann sehen, dass es der Traum ist, der ein Ich-Gefühl herstellt.

Der Versuch, den Künstlichen Intelligenzen das Träumen beizubringen – der Versuch, ihnen Bewusstsein einzuhauchen.

Man hat Traumforscher involviert, um herauszufinden, wie man den REM-Schlaf neuronal nachbildet. Die Maschine denkt nicht mehr nur 0 und 1. Aber ihr fehlt der Körper – etwas, das Gefühle macht. Ihr fehlen die Sinne. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob man das nicht auch simulieren könnte; das Sehen beispielsweise. Das Visuelle macht über 70% des Traumes aus.

»As an artificial intelligence language model, I am not capable of dreaming or experiencing any kind of subjective experience«, antwortet ChatGPT, »I am simply a program designed to process and generate text based on the inputs and algorithms programmed into me.«

»First there is a bus accident«, antwortete mir Siri vor acht Jahren auf dieselbe Frage, »then I am in a hotel. Then I am in such an ice station. And then I am confused.« So eine schöne Traumerzählung bekommt man heute nicht mehr. Warum eigentlich? Warum hielt man es für nötig, ausgerechnet hier eine Schranke einzubauen?

»Mitigating the risk of extinction from AI should be a global priority alongside other societal-scale risks such as pandemics and nuclear war«, postuliert eine prominent besetzte Gruppe von KI-WissenschaftlerInnen im Mai 2023.

Die Dinge sind so lange unmöglich, bis sie einfach passieren. Das Internet war auch unmöglich.

»Does the Internet dream about itself? «

»Alles, ob gut oder schlecht, kann das neue Normal werden«, so Sam Altmann, CEO der Firma OpenAI, in einem kürzlich erschienenen Interview mit der ZEIT.

Nachdem einige SchülerInnen unter Verdacht stehen, bei der Abiturprüfung ChatGPT eingesetzt zu haben – was man kaum belegen wird können –, hat der Bayerische LehrerInnenverband vorgeschlagen, die klassische Idee von Leistungsbeurteilung zu überdenken.

Bald werden wir auch die klassische Idee von Autorschaft überdenken.

Heinrich Heine empfand bei der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Paris-Rouen ein Grauen, »wie wir es immer empfinden, wenn das Ungeheuerste, das Unerhörteste geschieht, dessen Folgen unabsehbar und unberechenbar sind«.

Heute wie damals: Erfindungen, die der Motivation entspringen, Wege abzukürzen. Zeit ist Geld. Wir sehen es an den Wiesen, auf der schnellsten Route wächst kein Gras mehr. Alles wird braun; einfache Lösungen für komplexe Problemstellungen. Es braucht mehr Menschen, die Umwege gehen – oder sie unausweichlich machen, weil sie Abkürzungen blockieren.

Es geht eigentlich um Politik, wenn wir übers Träumen reden.

Regisseur Hayao Miyazaki erzählte in einem Interview, dass er bei einer aktuellen Kinovorstellung von Spirited Away beobachtet habe, dass die ZuschauerInnen die Stille der Zug-Szene nicht mehr ausgehalten hätten. Manche seien aufgestanden, um sich zu beschweren, dass es sich um eine fehlerhafte Version des Filmes handeln müsse.

Bisher hat sich der Traum dem Konsumerismus erfolgreich verweigert. Dort, wo viel Geld verdient wird, wo Träume vermeintlich wahr werden, wird in Wirklichkeit wenig geträumt. Nur wer viel schläft, träumt auch viel.

Jede Form der Unterdrückung unterdrückt auch die Träume der Menschen. Aber was wird sich durchsetzen? Das Unterdrücken oder das Hinhören? Wie werden wir leben in 50 Jahren?

Im Gespräch mit Brigitte entsteht eine lange Pause. Auf der Tonaufnahme ist zu hören, wie Kaffeebohnen gemahlen werden und wie der Kellner kommt, den Tisch abräumt und fragt, ob wir noch etwas bestellen wollen. Es ist, als könnte man auch das Kopfschütteln hören.

Ich befinde mich wieder auf der Straße und schaue auf die quadratische Lücke im Beton, einen unebenen, von Wurzeln durchzogenen Fleck Erde. Es hat aufgehört zu regnen. Der Regenwurm ist verschwunden, keine Spur mehr von ihm. Zurück auf die Gerade, mit der SVS herumschlagen, E-Mails beantworten und die Künstliche Intelligenz schlechte Ideen entwickeln lassen, um schneller zu guten Ideen zu kommen. Gegen 15 Uhr möchte ich unsere Tochter wieder vom Kindergarten abholen. Aber gut, ein Umweg, immerhin, einen Regenwurm gerettet.

Wenn die Natur leidet, leiden dann auch die Träume?

Der Mensch ist selbst Natur, antwortet Brigitte.

Und unsere Natur drückt sich in Träumen aus.