Anfang der 2010er Jahre begann ich, in einer Digitalagentur zu arbeiten. Unternehmen entdeckten die Facebook-Fanseiten für sich, mit der Marke „reden“, das war neu, das Geschäft boomte. Community Manager übernahmen, Menschen, die zur Stimme der Unternehmen wurden. Wir beobachteten damals auf allen Kanälen das gleiche Phänomen: Unzufriedene Kunden, die in ihren Kommentaren ausfällig wurden, entschuldigten sich plötzlich, wenn sie nicht die übliche Copypaste-Antwort bekamen. Menschlichkeit brachte Menschlichkeit hervor.
In dieser Zeit lernte ich allerdings noch etwas über diese sogenannte Menschlichkeit im digitalen Raum und das fühlte sich nicht so gut an: Wir gehen davon aus, dass unsere Weltanschauungen tief in uns verwurzelt sind, dass unsere Entscheidungen abstammen von einer Überzeugung, von dem, was das Ich ist. Aus Perspektive eines Paid Media Specialists sah das freilich ganz anders aus. Es war nur eine Frage des Zeitpunkts, Inhalts und Werbebudgets, dann konnte man Ansichten manipulieren.
Als ich die Agenturwelt verließ, ging der Trend bereits in Richtung Automatisierung. Ich schrieb einen Roman; Jacob, der junge Protagonist, entwickelt mit seinem Team eine Künstliche Intelligenz namens KAY, um den Auftrag einer Bank zu gewinnen, die ihre Service-Mitarbeiter ersetzen will. Als das Buch schließlich im Jahr 2021 erschien, war dieses Szenario schon kein rein fiktives mehr; heute, fünf Jahre später, gehört es zum Nachrichtenalltag. Das Versprechen eines besseren Lebens dank KI ist auf der einen Seite längst gebrochen, auf der anderen wird es vehementer denn je wiederholt. Es geht zu wie bei einem Hot Dog-Wettbewerb, als müsste man möglichst schnell möglichst viel reinstopfen, bevor der Magen es merkt.
Die mit der ständigen Beschleunigung einhergehende Besinnungslosigkeit ist eine wohl kalkulierte Nebenwirkung. Wenns aus Kübeln auf dich niederregnet, spürst du den einzelnen Tropfen auch nicht mehr. In der Gleichzeitigkeit des Immerneuen lassen sich Zweifler abhängen. Unrechtes verschwindet unter Unrechtem. Und nichts bleibt hängen. Man muss sich das wie bei Andersens „Des Kaisers neue Kleider“ vorstellen, der Festzug zieht vorbei, das Kind ruft, der Kaiser habe ja gar nichts an, doch gerade als das Momentum der Einsicht beim Volk einsickern könnte, fliegt dicht über den Köpfen der Menschen ein Drache hinweg. Wir sind in einem Dauerzustand des sich-Wunderns gefangen.
Betrachten wir beispielsweise die „AI era of Search“, die Google nun einleitet, bei der die seit 25 Jahren bewährte Anzeige der Suchergebnisse durch KI-Antworten ersetzt wird. Urheber*innen, deren Inhalte man sich angeeignet hat, um die KI zu trainieren, verlieren Klicks, Werbeschaltungen bleiben aus. Werbeschaltungen, die Google künftig in die eigenen KI-Antworten integriert. Die Big Tech-Firmen nennen es „Disruption“, die Inhaltsproduzenten „Diebstahl“, im gleichen Atemzug verkündet Spotify AI-Generated Personal Podcasts.
Seit einiger Zeit sammle ich Artikel zum Thema KI, die erörtern, ob wir auf einen intellektuellen, wenn nicht gar zivilisatorischen Abgrund zusteuern. Im Mai 2026 kam ich plötzlich nicht mehr hinterher. „If the exponential continues“, schreibt Anthropic CEO Dario Amodei auf seinem Blog, „then it cannot possibly be more than a few years before AI is better than humans at essentially everything.“ Die Entwicklung von KI kostet Unmengen, jede öffentliche Aussage soll für Bierlaune bei den Investoren sorgen. So ordnete ich das bisher ein. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr ganz sicher. Sind wir doch an einem Kipppunkt angekommen?
Als Autor*in ist man natürlich prädestiniert für KI-Doomerism. Um hier mal schnell den Käse zurück in die Mausefalle zu legen: Natürlich probiere auch ich mit dem neuen Werkzeug herum. Vielleicht gibt es Lebensbereiche, in denen ich davon profitieren kann. Einen beträchtlichen Teil meines Alltags betrifft beispielsweise das Schreiben. Wie sieht dafür also der Use Case aus? Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk outete sich vor kurzem; sie fragt das Ding, zu welchen Liedern ihre Figuren vor einigen Jahrzehnten getanzt hätten. Was soll die Aufregung? Die gleiche Frage haben wir vorher dem guten alten Google gestellt.
Die KI verflüssigt den Schreibprozess auf der Oberfläche, man kann sie wie den quadratischen Pappkarton eines Jenga-Turms einsetzen, als Hilfestellung, um möglichst schnell die Steine zu stapeln. Sobald das Gerüst steht, beginnt die eigentliche Arbeit. Häufig dauert die Jahre. Das liegt an den verschärften Spielregeln des Schreibens. Jeder Stein besitzt eine andere Farbe, jede Farbe muss aufeinander abgestimmt werden. Nur weil der Turm nicht umkippt, heißt das nicht, dass ich den richtigen Stein herausgezogen habe. Die literarischen Eigenproduktionen der KI schauen (noch) nicht so aus, als hätten sie diese Spielregeln verstanden. Ob ich möchte, dass zwei rote Steine nebeneinander liegen oder nicht – solche Entscheidungen brauchen einen Resonanzkörper, ein Kitzeln in der Nase, Jucken in der Kniekehle.
Manche Abkürzungen finde ich legitim: Wenn ein geteerter Weg in einem weiten Bogen um die Wiese herumführt, und ich will schnell auf die andere Seite, nehme ich den Trampelpfad querfeldein. Läge zwischen mir und meinem Ziel jedoch ein Feld Tulpen, bliebe ich auf dem eigentlichen Weg. Es ist eine Kunst, Ambivalenzen auszuhalten. Und wie alle Künste steht auch diese im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz besonders unter Druck. Die Tulpen, so zeigt sich, werden trotzdem platt getrampelt. Eine (laut Erkennungssoftware Pangram) mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit mit KI erstellte literarische Kurzgeschichte gewann im Mai den Preis der Commonwealth Foundation, einem Partner der prestigeträchtigen britischen Literaturzeitschrift Granta.
Slop, möchte man beruhigt ausatmen, wenn man „The serpent in the grove“ liest, allein es gibt Menschen, jene, die in der Jury sitzen, die sehen das anders. Die KI scheint zumindest in der Lage zu sein, einzelne, äußerlich funkelnde Steine zu erschaffen, von denen wir uns blenden lassen. „She had the kind of walking that made benches become men“, so heißt es in dem Gewinnertext. Egal, ob einen das anspricht, egal, ob der Text wirklich von einer KI erstellt wurde – spätestens seit der Granta Affäre hängt über jedem geschriebenen Satz der Zweifel. Barnes and Noble CEO James Daunt hat bereits kundgetan, dass er auch von einer KI geschriebene Bücher verkaufen würde; weniger produzieren, mehr konsumieren, lautet die Devise. Gut, möglicherweise hebt der „all human“-Sticker das menschliche Werk wie das Bio-Siegel die Lebensmittel. Aber wenn das schon die letzte Hoffnung ist. Ach, wir armen Kulturmenschen.
Häufig denke ich an eine schöne Kurzgeschichte von Stanislaw Lem, sie heißt „Wie die Welt noch einmal davonkam“. Der Konstrukteur namens Trurl entwickelt eine Maschine, die alles produzieren kann, was mit dem Buchstaben n beginnt. Klapauzius, sein Konstrukteurskollege, wird sogleich eifersüchtig und versucht zu beweisen, dass die Maschine gar nicht so toll ist, wie sie ausschaut. Deswegen trägt er ihr auf, das „Nichts“ zu erschaffen. Als die Maschine beginnt und die Folgen seines Wunsches sichtbar werden, stoppt Klapuzius sie, doch der Schaden ist bereits angerichtet: „Großer Gauß! Wo sind die sanften Kamikätzchen geblieben? Wo sind meine heißgeliebten Phantolemchen? Und wo die süßen Singuine?!“
Wie weit wollen wir gehen? Käme es also soweit, wie von Amodei prophezeit, was ist daran überhaupt erstrebenswert? Und was soll das heißen, die KI werde „besser“ als die Menschen? Sind wir denn nicht gut genug?
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass jene, die soeben noch Achtsamkeit und eine gesunde Fehlerkultur predigten, nun auf den Erfolg einer (scheinbar) unfehlbaren Technologie setzen. So kann man sich auch gleich der Sorge entledigen, das toxische Arbeitsumfeld werde entblößt. Gleichsam gibt es, beispielsweise im medizinischen Bereich, viele Anwendungsmöglichkeiten, in denen der Einsatz von KI unser Leben nicht nur leichter sondern auch lebenswerter macht. Es hilft ja bereits, ein Arztgespräch zu simulieren, ohne dem zeitlichen Druck zu erliegen, der in einer realen Praxis herrscht.
Wenn die KI wirklich in allem besser wird, fragen wir mal weiter: auch in der Care-Arbeit? New York setzt KI bereits in 150 Schulen ein, Antworten der Kinder werden aufgenommen, um das System zu verbessern, Eltern protestieren. Menschlichkeit inspiriert Menschlichkeit, okay, wie sieht es dann mit künstlich erzeugter Menschlichkeit aus? Beginnen wir zu glauben, dass von einer KI erzogene Kinder auch zu besseren Menschen heranwachsen? Oder greifen wir noch früher ein? Lassen die KI den perfekten Embryo auswählen? Welches Tulpenfeld ist uns noch heilig? Und wer wird darüber bestimmen? Peter Thiel? Wenn sich alle Macht bei den KI-Jüngern bündelt, wer vertritt dann uns?
Kürzlich konnte ein Team aus sieben Forschern in einem Artikel in Nature nachweisen, dass es Chinas staatlich kontrollierten Medien gelungen ist, in die Trainingsdaten der KI-Chatbots einzudringen. Offizielle Slogans der Kommunistischen Partei sind mittlerweile nachweislich in ChatGPT und anderen führenden Modellen integriert. In meinem Geschichtsstudium gab es diesen Running Gag, sobald irgendwer Wikipedia auch nur dachte, schrie ein Professor mit rotem Gesicht „gilt nicht als Quelle“. Statt ähnlich cholerisch mit den Antworten der KI umzugehen, erleben wir derzeit, wie ein Teil der Menschheit sie zur gottähnlichen Instanz erhebt. Kein Wunder, dass sich der Papst höchstpersönlich genötigt sieht, mit seiner bemerkenswert erbaulichen Magnificia Humanitas dagegen zu steuern. Die christliche Kirche kennt sich halt aus mit verbotenen Früchten.
Vielleicht bin ich auch einfach zu alt für den Scheiß. In letzter Zeit ertappe ich mich dabei, wie ich in Gespräche einflechte, alles sei teurer geworden. Dabei kann man meiner Generation die Erzählung, die Vorteile der KI überwögen alle Nachteile, sogar noch besser verkaufen, als den später Geborenen. Wer jetzt in den Arbeitsmarkt eintritt, konkurriert bereits mit programmierten Agenten. Ganz zu schweigen von dem ökologischen Fußabdruck der KI-Rechencenter, der Entwertung der universitären Ausbildung. Was den Widerstand der Digital Natives erklärt; die wundert gar nichts, die durchschauen: Mag sein, dass die digitalen Systeme (um nicht Produkte zu sagen), die wir bauen, unser Leben besser machen sollen, auf jeden Fall aber wollen sie etwas von uns; kein Investment ohne Return of Investment. Die KI kann uns nur dann stets zu Diensten sein, wenn auch wir ihr stets zu Diensten sind.
Wenngleich ein Gegenüber, das alle Antworten weiß, dazu verführt, dass wir uns auf eine moralische Insel der Verantwortungslosigkeit zurückziehen, indem wir unsere Entscheidungen auslagern – eine kritische Distanz scheint zumindest angebracht. Und es sollte nicht von Zeitpunkt, Inhalt und Werbebudget abhängen, ob wir sie verlieren.
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