Der Lügeninfluencer

1.

Jämmerlich. Jämmerl-ich. Ein gebückter Schatten im fahlen Licht der Straßenlaternen. Zurück eilend in die Anonymität der Wohnung. Tief versteckt unter der Kapuze meines Pullovers. Milchtüte unterm Arm, Brot, in Plastik eingeschweißter Käse. Angst, man könnte mich erkennen. Mich, den Geächteten. Das Stück Dreck, den Abschaum. Das Gesicht aus dem Internet. Diesem Internet, das nie vergisst und nie verzeiht. Diesem scheiß Internet.

Zu Hause. Den Schlüssel im Schloss gedreht, einmal zweimal, mehr geht nicht. Durchatmen. Brot geschmiert, Teller mitgenommen, den Rest in der Küche liegen lassen. Egal, nur noch ab aufs Sofa. Fernseher an, Kopf aus. Dämmerzustand. Aber an Schlaf nicht zu denken. Bald Langeweile. Nur Schund auf allen Programmen. Im Kreis zappend. Vielleicht doch einen Blick aufs Smartphone riskieren? Nur so nebenbei?

Überwindung kostend; fast wie aus dem Haus gehen. Jedes Browseröffnen ein Kraftakt. Facebook, Instagram und YouTube meidend. Bloß nicht hinein kippen in das Raubtiergehege Social Media. Besser Spiegel, Süddeutsche, Zeit. Berieseln lassen. Vorsichtiges Navigieren. Klappt ganz gut. An Lockerheit gewinnend. Der Gedanke: Könnte auch mal wieder E-Mails checken. Ewig nicht gemacht. Eine mahnende Zahl auf rotem Grund. Hunderte ungelesen. Erschrocken über den Klick. Hätte ich nicht tun sollen.

Hass schlägt mir entgegen. Viele der Absender mir bereits bekannt. Die schreiben täglich. Meistens Eltern, die mich in der Hölle schmoren sehen wollen. Tun sie ja schon. Wissen es nur nicht. Die Finger auf Command + Q legend. Aber ich zögere noch. Ein Betreff sticht heraus. Seltsam freundlich, fast liebevoll. Wie kann das sein? Doch noch Hoffnung für mich? Mir zugewandt, trotz allem? Von Zeile zu Zeile mehr Gewissheit. Endlich wieder Boden unter den Füßen spürend. Ein Gefühl wie damals, als die Welt noch in Ordnung war.

 

2.

Damals, da nahm alles mit dieser Idee seinen Anfang. Dieser dummen Idee, irgendwie mehr zu sein. Mehr als ein kellnernder Endzwanziger. Also beispielsweise Musiker. Natürlich Unsinn. Aber man soll sie ja leben, die Träume. Im Radio mein Song. Ins Programm genommen von einem Bekannten von einem Bekannten von einem Bekannten. Ich die Werbetrommel rührend. Likes von Freunden, Shares von Familienmitgliedern. Hoffnungsvoll. Nun konnte es losgehen.

Unsinn. Ging nie los. 3 Minuten Ruhm, zack vorbei. Vorbereitung, Musikvideo, Tonstudio – alles umsonst. Was hatte ich auch erwartet? Die große Karriere? Beschämt in die Alltagsroutine zurück kehrend. Doch es nagte an mir. Mich verraten fühlend. Von irgendwem. Entwickelte halt so eine Trotzhaltung. Aus der heraus ein neues Social Media-Profil anlegend. Die Lebensgeschichte eines Teenagers. Da ich doch noch so jung aussah. Alter, Herkunft, Info – alles gelogen. Mir doch egal.

Das Video aufgenommen mit der Laptop-Kamera. Ich, mit Gitarre auf meinem Sessel, Haare strubbelig, eine schlechte Justin Bieber-Kopie. Schmachtender A cappella Singsang. Leicht ironisch das Ganze, na klar. Dummejungenstreich eben. Doch das Ding ging durch die Decke. Keine Ahnung, warum. Hundertausende Views, in Tränen aufgelöste Siebtklässlerinnen. Digitale Liebesbriefe. Emoji-Poesie. Egoschmeichlereien.

Jetzt war ich wer. Vom Kellner zum Kinderstar. Von heute auf morgen, von null auf hundert. Ein gehypter Endzwanziger. Nur dass alle dachten, ich sei selber noch Kind. Aber egal. Keine Zeit mehr zum Nachdenken. An meiner Seite längst eine Agentur. Mich zur Marke machend. Jede digitale Veröffentlichung, jeder Satz, jedes Wort – fortan alles auf Like-Potentiale abgeklopft. Die Musik zweitrangig.

Stattdessen Nivea Männerdeo, Milka Schokolade, oder Vans Schuhe vor die Kameralinse haltend. Zielgruppe erreichen, Einfluss nehmen, Gefühle monetarisieren. Von Ironie keine Spur mehr. Das Gesicht jung geschminkt. Ständig nett lächelnd, geheimnisvoll schauend. Interviews immer nach dem gleichen Muster. Von mir kaum noch was übrig lassend.

Dann der Fauxpas. Aus der Rolle gefallen. Und alle schauten mir dabei zu. Live. Sicherung durchgebrannt. Es nicht mehr aushaltend, das falsche Spiel. Eigentlich erleichternd. Doch das Internet verzieh nicht. Bald braute sich was zusammen. Die Fan-Community fühlte sich betrogen. Ihrem Ärger Luft machend. Zunächst zurückhaltend. Dann immer ausfallender. Schließlich Shitstorm.

 

3.

Ein Pädophiler sei ich, schrieb ein User. Mehr so hingerotzt, sein Kommentar. Wie aus einer Laune heraus. Ein Ventil suchend. Aber sofort entstand eine andere Dynamik. Trolle im Aufwind. Alles sei nur ein perfider Plan gewesen, so die Hetze. Zur Annäherung an unschuldige kleine Jungen und Mädchen. Aufs Hotelzimmer locken würde ich sie. Manipulieren, betäuben, entkleiden. Im Darknet handeln mit ihren Fotos.

Alles voll mit wilden Anschuldigungen. Jeder Grundlange entbehrend. Absurd. Fast komisch anmutend. Doch für immer eingebrannt ins Netz. Für immer Google-Treffer. Und gefundenes Fressen für die Sensationsmedien: „Lügeninfluencer in Pädophilenring?“ Das Agenturstatement eine Farce. Sich distanzierend, als sei meine Schuld bereits bewiesen. Sogenannte Insider berichteten von dubiosen Vorfällen. Geschichten erfindend für das Rampenlicht. Für drei Minuten Ruhm.

Freunde entfernten sich. Wehrten ab, oder schrieben einfach nicht mehr zurück. Gingen nicht ran. Mein Vater teilnahmslos auf dem Sofa im Flimmern des Fernsehers. Die Mutter noch schlimmer. Mir den Kopf streichelnd: Ob ich nicht eine Therapie versuchen wolle? Verzweiflung. An wen sich richten? Der Gedanke, alle Profile zu löschen. Den eigenen Namen zu ändern. Noch einmal von vorne zu beginnen. Gleichsam der Gedanke, damit die eigene Schuld einzugestehen.

Schließlich die Panik, tatsächlich schuldig zu sein. Gelüste vermutend, die ich vor mir selbst geheim gehalten hatte. Vielleicht stimmte es doch, was dort geschrieben stand. Schwarz auf weiß, in diesem Internet. Diesem scheiß Internet.

 

4.

Draußen hupt ein Auto. Mich aus den Gedanken reißend. Die Sterne hinterm Smog verborgen. Im Fernsehen weiterhin Schund. Trockene Kehle. Einen Schluck Leitungswasser trinkend. Schmeckt nach Eisen. Blick auf die Uhr. Schon lange nach Mitternacht. An Schlaf noch immer nicht zu denken. Keine Träume mehr. Über allem ein bleierner Schleier. Lustlosigkeit.

Noch einmal die E-Mail aufrufend. Die liebevolle. Um mich wieder an ihr aufzurichten. Aber es hat sich schon verbraucht, das Glücksgefühl. Mehr noch, ich stutze. Da fehlen die Verben. Nein, nicht nur Verben, da fehlen Zusammenhänge. Die ganze Zuneigung, die ganze Zartheit, alles nur Spam. Um mich zu Klicks zu bewegen. Meinen Computer zu infiltrieren. Mich zu ärgern. Oder was weiß ich.

Den Boden unter den Füßen: wieder verlierend. Zurück im Abwärtsstrudel. Andererseits, tiefer geht nicht. Da haben wir etwas gemeinsam, diese Spam-Dame und ich. Vielleicht doch einen Versuch wert? Mich ihr wieder zuwendend. Vor meinem inneren Auge, ihr Bild. Die Pixie-Frisur, die Stupsnase, dieser leichte Knick im Ohr. Der treue Blick. Irgendwo am anderen Ende der Welt sitzend. Einsame Software, schwacher Code-Schnipsel. Wie ich auf ein Zeichen wartend.

„Jämmerlich. Jämmerl-ich“, beginne ich, meine Antwort in den Laptop zu tippen. Wort für Wort, den ganzen Frust von der Seele schreibend. Endlich jemand, der mir zuhört. Jemand, der mich nicht verurteilt. Der mich mag. Trotz allem.

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