Die Waldlichtung

Hohe Flammen schlugen aus dem Dachstuhl. Dort wo sie sich durch das Reet fraßen, loderte es smaragdgrün. Holz barst, knarzte und knackste. Darüber stiegen goldglimmende Teilchen wie von Geisterhand gen Himmel, drehten im Glanz des Vollmondes Pirouetten und segelten weich wieder hinunter, bis sie im Tau der Wiese zischend zum Erliegen kamen.

Wie er da so barfuß im Garten stand und zusah, wie das Feuer gierig ihr Haus vertilgte, kam Jacob plötzlich der sonderbare Gedanke, dass das Leben manchmal doch recht unheimlich und schön zugleich sei. Über seine Wange kullerte eine silberne Träne. Sie schmeckte um eine Spur süßer, als er es vielleicht erwartet hätte.

Der Nachbarsbursche kam hinzu gelaufen. Wie üblich schrie er aus vollem Halse. Jacob wich ein Stück zurück, denn er mochte gerade nicht mit ihm reden. Eigentlich mochte er gerade mit niemandem reden. Zu tief saß der Schreck.

Der alte, tragende Holzständer, der in den Dachbalken gemündet hatte, führte ins Nichts – dort oben, wo einmal sein Kinderzimmer gewesen war, klaffte ein dunkles Loch. Nervös kreiste das Blaulicht des Rettungswagens um die eigene Achse. Der Vater saß am Rande des Innenraums und vergrub das Gesicht in den Händen. Man legte eine goldene Folie über seine Schultern und versuchte, ihm gut zuzureden. Er solle tief durchatmen, er sei jetzt in Sicherheit.

Weitere Dorfbewohner hatten sich zu ihnen gesellt, um dem Schauspiel beizuwohnen. Den Linsen ihrer Mobiltelefone entging nichts. Manche sahen aus, als freuten sie sich heimlich, andere machten betroffene Gesichter. Was die Explosion ausgelöst hatte, darüber waren sie zwar geteilter Meinung. Grundsätzlich aber breitete sich eine gewisse Zufriedenheit aus, weil ein wenig Abwechslung im schnöden Dorfalltag durchaus willkommen war.

Derweil lehnten die Männer der freiwilligen Feuerwehr an ihrem Einsatzwagen und diskutierten, ob es angemessen sei, ein Bierfass anzuschlagen. Sie verstummten, als sie bemerkten, dass ihnen die Umstehenden bereits neugierig zuhörten. Peinlich berührt retteten sie sich in derbe Witze. Ihre vergeblichen Löschversuche hatten sie schon längst eingestellt; da sei nichts mehr zu retten gewesen.

Was war nur passiert? Er wusste immer noch nicht recht darauf zu antworten. Seine Sinne hatte es in ein gehöriges Durcheinander versetzt. Ja, ihm war, als läge noch ein phantastischer Schleier über der Welt, an den Worte nicht heranzureichen vermochten. Und selbst wenn er sich doch an einer Erklärung versuchte – wer würde ihm dann schon glauben?

***

Alles musste wohl damit begonnen haben, dass sich eines Abends vor einigen Jahren die Großmutter an sein Nachtbett gesetzt hatte, um ihm die wunderlichste aller Geschichten zu erzählen.

Es war einer dieser Abende gewesen, an denen ein dichter Nebel über den Wäldern lag, während die untergehende Sonne den Himmel in die prachtvollsten Farben tauchte. Die Großmutter sah, während sie so sprach, seltsam jung aus, und der blaue Stein, den sie immer an einer schmalen Kette um ihren Hals trug, schien zu funkeln wie nie zuvor.

„Wusstest du eigentlich, mein kleiner Jacob“, begann sie, „dass es noch eine andere Welt gibt, neben der unseren?“. Er schüttelte nur mit dem Kopf. „Ja, aber es stimmt“, fuhr sie lächelnd fort, „früher, als die Menschen noch im Einklang lebten mit der Natur, da führten uns die Elfen auf ihre geheimen Wege und die Waldgeister, die Hüter jener Welt, gewährten uns Einlass durch ihre magischen Pforten.

Es herrschte ein herrliches Gleichgewicht zwischen den Dingen, über allem lag eine stille Melodie. Doch mit der Zeit verlor sich ihr zarter Klang. Heute haben wir schon längst vergessen, was uns einst so nah war“.

Sie verstummte und sah aus dem Fenster in die Ferne. Ein düsterer Schatten fiel auf ihr Gesicht. Jacob konnte sein kleines Herz pochen hören, während er den Atem anhielt. „Doch manchmal“, fuhr die Großmutter endlich mit ihrer gewohnten Warmherzigkeit fort, „wenn sich die himmlische mit der irdischen Sphäre für einen Moment verbindet, wenn ein Blitz auf die Erde fährt, dann öffnet die andere Welt wieder ihre Pforten und gewährt uns einen Einblick in ihre wunderbaren Hallen“.

Jacob sah sie mit großen Augen an. „Du glaubst mir nicht, was?“. Sie lehnte sich weit zu ihm hinunter, um leise flüsternd fortzufahren. „Nur ganz Wenigen ist es vergönnt, sie zu sehen; uns alten Seelen vielleicht, die wir schon an der Schwelle stehen zum baldigen Tod. Und euch Kindern, die ihr noch mit wachen Augen wandelt durch eure Träume“. Dabei streichelte sie ihm sanft mit der Hand über die Stirn, wie sie es immer zu tun pflegte, wenn sie ihm eine gute Nacht wünschte.

Wie sehr liebte Jacob Großmutters Geschichten. Sie dünkten ihm so viel bunter als alles, was ihm sonst so begegnete – erst recht seitdem er gezwungen war, in die Schule zu gehen.

Dort, in den engen Räumen, in die kaum Licht fiel, galt er seit jeher als Sonderling. Die Mitschüler taten gar nicht viel, um es ihn spüren zu lassen, doch es reichte. Und sogar den Lehrern fiel es sichtlich schwer, mit ihm den richtigen Umgang zu finden.

Anstatt sich um ihre Zuneigung zu bemühen, verbrachte Jacob seine Zeit lieber in der Einsamkeit der angrenzenden Waldlandschaft. Da der Vater meistens bis zum späten Abend in der Stadt zu tun hatte, war es an der Großmutter, ihm dabei Gesellschaft zu leisten.
Doch das Alter machte ihr zunehmend zu schaffen. Bald konnte sie kaum mehr das Haus verlassen, murmelte nur noch Unverständliches, oder blieb von Morgens bis Abends im Bett. Bis auch ihr letzter Lebensfunken erlosch.

Jacob sah man darauf zunehmend alleine in den alten Wäldern verschwinden. Dass ihm das Schicksal derart übel mitspielte, machte seinem sanften Gemüt schwer zu schaffen und er fühlte sich recht einsam in dieser großen, weiten Welt.

Eines Frühlingsmorgens jedoch, als er so gedankenverloren durch das Gehölz wandelte, war ihm, als wehe ein magisches Flüstern durch das Blätterwerk, das ihn sogleich recht verzauberte. Obwohl es ihm verboten war, verließ er darauf die gekennzeichneten Wege und stakte unter lieblichen Vogelgesängen immer tiefer hinein in die Waldlandschaft.

Nur beschwerlich ging es voran. Wirsch wuchsen hier die Sträucher, dicht das Astwerk. Auch war ihm, als laufe er wieder und wieder im Kreis. Schweiß trat ihm auf die Stirn. In seiner Ohnmacht rief er um Hilfe, doch seine Stimme verebbte im weiten Dickicht.

Schließlich rettete ihn ein kristallener Bachlauf, der wie aus dem Nichts aus dem Boden sprudelte, um sich über silbrig-graue Kieselsteine hinweg zu ergießen. An diesem plätschernden Strom, dem er von nun an folgte, kühlte seine Verzweiflung angenehm ab.
Bald ertönte in der Ferne erneut ein Laut, wie nicht von dieser Welt. Es klang, als fiele ein einzelner, satter Glastropfen in einen spiegelglatten Bergsee. Jacob zog es näher, bis er auf eine zauberhafte Lichtung hinaustrat. Dort, am Fuße eines uralten Baumes, dessen mächtiger Wipfel sich weit hinauf in den Himmel reckte, saß ein bezauberndes Mädchen, das in eine unendliche Stille versunken war.

***

Ihre großen, blauen Augen funkelten sehnsüchtig, als hofften sie am Horizont etwas zu erblicken. Schulterlanges, dunkles Haar fiel ihr wild ins Gesicht. An ihrem zierlichen Körper trug sie ein hellblaues Kleid aus seidenem Stoff, dessen schmale Träger die feinen Linien ihrer Schulterblätter bloßlegten.

Als sie ihn bemerkte, schreckte sie auf wie ein scheues Reh. Im nächsten Moment aber kam sie entschiedenen Schrittes auf ihn zu, fuhr ihn in einer fremden Sprache an und bedeutete ihm mit wütenden Gesten wieder umzukehren. Er wurde darüber ganz traurig. „Aber du bist das wunderschönste Mädchen, das ich je gesehen habe!“, rief er plötzlich in seiner Enttäuschung aus – ohne dass er eine Ahnung hatte, wodurch er mit einem Mal so mutig geworden war.

Für einen kurzen Moment trat eine entzückende Verblüffung in das Gesicht der Schönen, dann lachte sie so herzlich auf, dass Jacob gar nicht anders konnte, als es ihr gleich zu tun. In der anschließenden Stille wusste er, nachdem ihn die Verlegenheit nicht länger beschwerte, seine glühenden Blicke kaum noch zu verbergen. Leicht wandte sie sich zwar ab, doch auch ihr war bereits eine liebliche Röte in die Wangen gestiegen.

Plötzlich aber riss die beiden eine donnernde Stimme aus ihrer Zweisamkeit.Hinter dem Stamm des alten Baumriesen kam ein gewaltiger Elch mit weißem Fell und majestätischem Geweih zum Vorschein. Jacob fiel in eine Schockstarre. Hatte dieses Ungetüm etwa gesprochen? Die Schöne jedenfalls war nun wie verändert. Ohne ihn weiter zu beachten, rannte sie davon und verschwand mit dem Elch von einem Moment auf den nächsten wieder in den Tiefen des Waldes.

Es ging alles so schnell, dass er gar nicht fassen konnte, was ihm da widerfahren war. Erst zurück im Dorf kam er langsam wieder zu sich. Die Schöne musste, so wunderte er sich, nur ein paar Jahre älter gewesen sein als er, doch im Gegensatz zu den anderen Kindern aus der Umgebung hatte er sie noch nie in der Schule gesehen. Sicher gab es dafür eine gute Erklärung, aber was es mit dem weißen Elch auf sich hatte – darauf wusste er sich keinen Reim zu machen.

Bald überfiel ihn der unwiderstehliche Drang, jemandem von seiner Begegnung zu erzählen. Nur wem? Wie sehr er in solchen Momenten seine Großmutter vermisste.
Schließlich vertraute er sich dem Nachbarsburschen an. Allein, er lachte ihn nur aus. Wütend nahm Jacob ihn gleich am nächsten Tag mit in den Wald, um ihm die Lichtung zu zeigen. Doch so sehr er sich auch bemühte, er sollte sie nicht mehr wieder finden – weder an diesem, noch an irgendeinem anderen Tag.

Was musste er sich da anhören; ob des beißenden Spotts des Burschen verlor bald auch er selbst den Glauben an sein Erlebnis. Ja, er sah sich schließlich sogar zu der Feststellung gezwungen, dass es sich bloß um einen Streich seiner Einbildungskraft gehandelt haben musste.

Fortan mied er die Waldlandschaft, wie einen Freund, von dem er betrogen worden war. Und auch seine Träume schienen daraufhin nach und nach an Kraft zu verlieren. So vergingen die Jahre. Jacob wuchs zu einem ernsten Jugendlichen heran, der sich nichts mehr machte aus jenen alten Geschichten. Sein Leben verlief nun in geregelten Bahnen: Tag für Tag ging er zur Schule und lernte danach Seite für Seite seiner Lehrbücher auswendig, wie es ihm aufgetragen wurde. Die Klassenkameraden luden ihn endlich zu ihren Geburtstagen ein und sogar die Lehrer fanden lobende Worte für seine vorbildliche Entwicklung.

Alles lief also seinen gewohnten Gang – bis ein neuer Frühling ins Land zog und sich jene wundersame Explosion in seinem Zimmer ereignete, nach der er sich statt in seinem Bett, draußen vor ihrem Haus wiedergefunden hatte.

***

Der Nachbarsbursche stieß einen hellen Schrei aus. Die Flammen hatten die Reste des Gebäudes vollends zum Einstürzen gebracht. Einige Dorfbewohner ließen sich zu einem Jubeln hinreißen, während die Feuerwehrmänner fachsimpelten, mit welchen technischen Hilfsmitteln man ein solches Unglück in Zukunft verhindern könnte.

Der Vater saß immer noch auf dem Heck des Krankenwagens und starrte ins Leere. Jacob dünkte das der richtige Moment, um sich unbemerkt davon zu schleichen. Im Nu erreichte er die Landstraße, huschte vorbei an dem gelben, rostigen Schild am Dorfausgang und rannte hinein in den Wald.

Kaum hatte er den ganzen Trubel hinter sich gelassen, verspürte er eine heimliche Freude. Ihm war, als habe man ihn von einer unsichtbaren Last befreit. Doch in der Dunkelheit der Nacht schien ihm seine Umgebung bald sonderbar verändert.

Der schmale Bachlauf, dem er wie einst gefolgt war, hatte sich in einen reißenden Fluss verwandelt und an die Stelle der lieblichen Vogelgesänge, die ihn normalerweise begleiteten, war das fürchterliche Jaulen eines Wolfrudels getreten.

Auch lag der Nebel wie eine Wand über dem Wald, sodass er keinen Meter weit sehen konnte und es ihn bei jedem noch so geringen Rascheln gehörig grauste. Anstatt nun klein bei zu geben und umzudrehen, folgte Jacob weiter jener dumpfen Ahnung, die in seinem Innern mehr und mehr Gestalt annahm.

Halb über hervortretende Wurzeln stolpernd, halb über heruntergebrochenes Geäst entschlossen hinweg stürmend, zog es ihn voran. Auch wenn er bereits schwer atmete, erlaubte er sich weder, zu zweifeln, noch vor Erschöpfung stehen zu bleiben. Endlich bemerkte er in der Ferne, wie ein milder Glanz durch die Wipfel der Bäume brach.

Es war die Krone des alten Baumriesen, die empor ragte aus der trüben Finsternis, im Mondschein silbern schimmernd wie eine Heilige unter lauter Ungläubigen. Von jener Pracht still geblendet, stand Jacob regungslos da, als sich ihm schwere Schritte näherten.
Das mächtige Geweih des Elches hüllte ihn sogleich in einen langen Schatten. In seinen riesigen, aufgeblähten Nüstern verschwanden die letzten Nebelschwaden, bis es ganz aufklarte. Die anmutige Gestalt des Mädchens, die darüber inmitten der Lichtung erschien, sie überstrahlte noch die schönsten Bilder seiner Erinnerung.

Da zeichnete sich am Horizont ein goldener Schweif ab, wie ein Stern, der vom Himmel fiel. Der Boden begann leicht zu vibrieren. Unter einem schweren Schnaufen brach der Elch auf, es war an der Zeit. Jacob hingegen zögerte noch, es kämpfte in ihm.

Sein Blick fiel zurück in den Wald, suchend nach einem Zeichen des Dorfes. Als er sich wieder umdrehte, sah er das Mädchen von Licht durchflutet über dem Boden schweben. Ihre zarten Finger, die sie lächelnd nach ihm ausstreckte, spielten im Wind wie ein magisches Glockenspiel.

1 Comment

  • Lieber Clemens,
    die Geschichte im Wald und der Rückkehr des älter gewordenen Jungen ist wunderschön.
    Du könntest auch Kinderbücher schreiben mit Deiner
    wunderbaren Fantasie!

    Gruss Mama

Leave a Reply