Dort unten am Meeresgrund

Der Stein strebte einer Richtung zu, als entwickelte er in seiner Hand eine eigenmächtige Kraft. Theo wurde ganz anders. Schnell legte er ihn wieder zurück auf die Fensterbank. Während sein halbrunder Körper noch einige Weile hin und her balancierte, flatterten draußen Schneeflocken nervös zu Boden, bevor sie mit dem fahlen Beton der Stadt verschmolzen.

Eigentlich hatte er die Abstellkammer nur betreten, um seine dreckigen Hemden in die Waschmaschine zu werfen. Dort jedoch, in jenem engen, staubigen Raum befiel ihn mit einem Mal das unheimliche Gefühl, als beobachtete ihn jemand. In seinem Schreck wich er kurz zurück, besann sich dann aber und schob die knarzende Tür ein weiteres Mal zur Seite. Da kam in der hintersten Ecke, in der sich die Kisten stapelten, die anzurühren er schon seit Jahren nicht mehr gewagt hatte, wie von Geisterhand der Stein zum Vorschein.

Wenn er so regungslos da lag, nicht viel größer als eine Murmel, wirkte eigentlich nichts an ihm verdächtig. Es handelte sich eben nur um einen ganz normalen Stein. Vielleicht besser so, dachte Theo. Besser, es verläuft alles wieder in seinen geregelten Bahnen. Er schob sich seine Brille, die ein wenig herunter gerutscht war, streng zurück auf die Nase, setzte sich an den Schreibtisch und befreite den Laptop aus dem Ruhemodus: Es ging wie immer darum, die Produktivität zu erhöhen. Weniger rein zu geben, aber mehr rauszubekommen. Oder zumindest den Anschein zu erwecken. Damit sie gut aussahen, die Zahlen, die dann präsentiert werden mussten an den langen Tischen, an denen wichtige Menschen saßen.

Zahlen verstand er. Sie reduzierten die Komplexität auf das Nötigste. Sie gaben Halt. Und sie halfen ihm, zu vergessen. Das Zwischenmenschliche hingegen verkomplizierte die Dinge meist. Natürlich, das war ihm bewusst, unterlag es ebenfalls einem ausgeklügelten System an Codes. Aber irgendwie hatte er nie gelernt, daraus so recht schlau zu werden.
Das Mobiltelefon vibrierte, sein Chef. Warum der Report immer noch nicht fertig sei. Es folgten einige Kraftausdrücke. Dann hörte er den Hörer aufknallen, bevor er etwas erwidern konnte. So lief es immer. Einmal hatte er versucht zu argumentieren, es hatte ihm nur weiteren Ärger eingebracht – und am Ende noch mehr Zeit gekostet. Immerhin, am späten Abend, wenn er schon zu Hause am Schreibtisch saß, wurden die Anrufe weniger.

Er öffnete die Datenblätter, übertrug einige Werte in die Tabelle und fügte eine Formel ein, um das Ganze in einen Sinnzusammenhang zu bringen. Da machte er im Augenwinkel erneut eine wundersame Bewegung aus. Durchzug, beruhigte sich Theo, ich sollte wirklich mal einen Spezialisten kommen lassen, der sich die Fenster ansieht. Doch es lag nicht an den Fenstern. Einmal in Schwingung geraten, löste sich der Stein langsam vom Boden, schwebte in die Luft und entfaltete einen wunderbar pulsierenden Glanz.

Er war längst aufgesprungen, doch anstatt erneut zurückzuweichen, zog ihn ein stiller Impuls näher heran. Sanft landete der Stein in seiner geöffneten Hand. Dort verfestigte sich sein Funkeln zu einem klaren goldenen Lichtstrahl, der – wie man ihn auch drehte und wendete – immer auf den gleichen Punkt in der Ferne gerichtet blieb. Er grinste. Was er da gerade erlebte, konnte nicht sein. Es war vollkommen unmöglich. Aber aus irgendeinem Grund begann er, darüber zunehmend eine leise Freude zu entwickeln.

***

Da die Ampel im Begriff war, auf rot zu springen, ging er lieber auf Nummer sicher. Die Bremsung drückte ihn heftig in den Gurt. Noch schwerer wog allerdings das empörte Hupen des Fahrers, dessen hasserfüllte Fratze im Rückspiegel auftauchte. Theo setzte zu einer entschuldigende Geste an, so wie damals zu Schulzeiten, ärgerte sich aber sogleich über sich selbst und brach sie mittendrin ab.

Ohnehin schloss sein Wagen umgehend nach der Kreuzung wieder auf den Abendverkehr auf, wodurch das Gebläse, von dem er sich eigentlich ein wenig Gemütlichkeit erhofft hatte, Benzingestank in den Innenraum pustete. Aus dem Radio brummte ein düsterer elektronischer Bass, den lediglich die neusten Schreckensnachrichten übertönten. Das Flimmern der traurig gebückten Laternen fiel müde auf die Straßenränder, Fußgänger warfen darunter träge Schatten. Der goldene Strahl des Steins aber wies ihm stetig den Weg wie ein Kompass.

Bald hatte er die Stadt hinter sich gelassen. Bei der Fahrgeschwindigkeit müsste ich bald, so berechnete er mit einem Blick auf die Uhr, auch an die Landesgrenzen stoßen. Doch zu seiner Verwunderung war dem nicht so. Einsam folgte er stattdessen einer nicht enden wollenden, schnurgeraden Landstraße. Aufschimmernde Reflektoren rauschten vorbei, dahinter schräge Böschungen, zahllose, brach liegende Felder und am Horizont die düsteren Linien der Berge.

Zu Hause, auf seinem Schreibtisch, vibrierte abermals das Telefon. Sein Chef ließ es klingeln, bis der Anrufbeantworter ansprang, legte erbost auf und betätigte umgehend die Wahlwiederholung. Allein, Theo verschwendete nicht den geringsten Gedanken daran. Der Report verlor sich in einer Vergangenheit, die nicht mehr zu ihm gehörte. Eine Wolke, so massiv wie ein Luftzerstörer, zog weiter. Dahinter kam der Vollmond zum Vorschein. In seinem milden Glanz änderte sich mehrfach die Richtung, in die der Stein zeigte. Theo drosselte das Tempo und nahm ihn vom Armaturenbrett. In seiner Hand fand das Leuchten zu seiner Entschlossenheit zurück.

Der ist für dich Theodor, hörte er Clara zart flüstern, er wird dich für immer an diesen Tag erinnern. Sie hatte ihn damals von dem Sandstrand aufgelesen, an dem sie auf das Boot warteten, dass sie zurück zum Festland bringen sollte. Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden gerade in der Ferne, als es endlich eintraf, mehr zusammen geschnürtes Bambusrohr als Boot.

Es war einer dieser perfekten Tage gewesen. Einer dieser Tage, an dem einem alle Sorgen lächerlich erschienen. Bis von unten etwas dumpf gegen den Boden ihres provisorischen Gefährts gestoßen hatte. Der Skipper, ein greiser, graubärtiger Mann, den scheinbar nichts aus der Ruhe bringen konnte, lehnte auf dem rostigen Außenborder, als gäbe es keinen Grund zur Beunruhigung. Dann wiederholten sich die Schläge und der Alte hörte plötzlich nicht mehr auf zu schreien. Sie waren in einen tosenden Schwarm geraten, in einen riesigen, goldglänzenden Teppich aus glühenden Quallen.

Wenn er jetzt so darüber nachdachte, kam es ihm vor, als hätte er eigentlich immer Angst um Clara gehabt. Schon von dem Moment an, an dem er sie kennen lernte. Aber es war nicht meine Schuld, wiederholte er wie ein Mantra. Es war nicht meine Schuld, es war nicht meine Schuld. Tatsächlich hätte er nichts tun können, alles ging viel zu schnell. Als das Boot kenterte, sah er sich in einem Sekundenbruchteil schon von ihr getrennt. Gleichsam hatte er selber Mühe, sich dem Strom der Quallen zu erwehren.

Einmal noch bekam er sie zu fassen, doch seine Kraft reichte nicht aus – zu stark zog es sie hinunter. Es war nicht meine Schuld, es war nicht meine Schuld. Und dennoch, so oft er es auch für sich wiederholte – ihm dünkte nicht selten, er hätte damals seinen Widerstand ebenfalls aufgeben und mit ihr in die Tiefe sinken sollen.

Das Letzte woran er sich erinnern konnte, war ihr Blick, in dem Moment, als ihm ihre Hand entglitt. Er verfolgte ihn. Wie auch sein eigenes Stammeln ihn nicht losließ, über das ihre Eltern am anderen Ende der Leitung ganz rasend geworden waren. Was denn passiert sei um Gottes Willen, er solle doch fortfahren – so beknieten sie ihn in ihrer aufkeimenden Panik, aber er fand sie nicht, die richtigen Worte. Er fand gar keine Worte mehr. Sie waren verschwunden mit seiner Frau, mit Clara am Grund des Meeres. Sie hatte ihn angelächelt, als es sie in die Tiefe zog. Wieso nur hatte sie ihn so angelächelt?

***

Die Straße führte in zahlreichen engen Kehren aus einem lose besiedelten Tal hin zu einem abgelegenen Waldstück, an dem eine dicht gewachsene Gruppe aus Tannen ihm schließlich den Weg versperrte. Er stellte den Wagen ab und stapfte durch totes Laub und halb gefrorenen Matsch tiefer hinein in die Dunkelheit.

Der Mond blieb nach wie vor hinter einer dichten Wand aus Wolken verschwunden. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Wo er auch hinschaute, ragte nur kahles Geäst gen Himmel. Raben saßen in den nackten Wipfeln und krähten missbilligend hinunter. Ihre Schmähungen reizten ihn, doch später, als die gespenstische Stille zurückkehrte, die sich über die Berge gelegt hatte, sehnte er sich ihre Gesellschaft zurück.

Bald ließ die Bewaldung nach, nur ein paar verendende Sträucher krochen noch auf der Suche nach etwas Wärme am Boden entlang. Es ging es immer steiler bergauf, während der Schneefall die Landschaft mehr und mehr in ein graues Einerlei verwandelte. Auf dem felsigen Untergrund fanden seine Schuhe kaum noch Halt, doch wenn er auch mehrfach abrutschte, kletterte er einfach immer weiter. Bis seine Kraft nachließ.

Auf einem Felsvorsprung verschnaufend, schob er sich die Brille zurück und wagte einen Blick ins Tal. Die Häuser waren schon zu Stecknadelköpfen geworden. In seinen Lungen brannte eisig die Luft, die Zehen wurden ihm klamm. Von dem Stein hingegen ging mittlerweile eine zauberhafte Wärme aus. Es konnte nicht mehr weit sein.

Endlich trat er auf ein längliches Plateau hinaus, in das sich, umrahmt vom kräftigen Granit der Berge, ein stiller Gletschersee bettete. Hier und da trieb eine dünne Eisschicht, sonst lag er völlig spiegelglatt da. Das goldene Leuchten durchbrach die Wasseroberfläche wie ein Speer.

Nachdem er sich seiner Kleidung entledigt und die Brille behutsam auf den runden Steinen am Rande des Sees abgelegt hatte, watete er hinein. Auf ein paar schnelle Schritte ließ er einen plötzlichen Sprung folgen, als könnte er damit allem Widerwillen zuvor kommen. Die Kälte jedoch ließ sich nicht überraschen. Sein Herz begann, gefährlich zu rasen. Im Wasser veränderte sich der Stein mit einem Mal. Wie ein Schwamm, sog er sich voll, worüber sein goldener Körper nach und nach an Konturen verlor. Aus seinem nunmehr weichen Inneren erwuchsen kabelartige Beinchen, die durch fließende Kreisbewegungen eine Art Motor bildeten und Theo zur Mitte des Sees hinaustrugen.

Kurz wallte noch eine Panik in ihm auf, dann gab er nach, verharrte regungslos und vertraute ganz auf die fremde Kraft in seiner Hand. Auch wehrte er sich nicht, als das Wesen seinen lamellenartigen Körper ausdehnte und zunächst seinen Arm, dann seinen Kopf und letztlich seine Brust umschlang, bis ihn ganz und gar ein wärmender, goldener Schleier umgab, unter dem ein atmender Hohlraum entstand.

Wie ein Stern, der vom Himmel fiel, durchbrach er so die Dunkelheit der Tiefe. In Gedanken zählte er die Meter mit, die es hinab ging, doch irgendwann gab er auf. Alles Zeitgefühl ging hier unten verloren. Hier und da schimmerten die scharfen Kanten eines engen Tunnelgewölbes auf – weiter ließ sich nichts wahrnehmen. Sie hielten an, als vor ihnen ein riesiges, insektenähnliches Wesen erschien, das sich aufrecht stehend auf einen langen silbernen Stab stützte.

Es war etwa doppelt so groß gewachsen wie Theo, hatte tellerförmige, trübe Augen und trug einen mächtigen goldenen Panzer auf seinem Rücken. Seine schmalen, meterlangen Tentakel, die wie ein Bart um seinen Mund wuchsen, befühlten Theo ausgiebig, bevor sie ihn passieren ließen. Der Tunnel ging in einer hellen Unterwasserlandschaft auf, die sich endlos erstreckte – als handele es sich um eine ganze Welt, die unter der eigentlichen lag. Bunte Algen wiegten in der Strömung wie eine Frühlingswiese, dazwischen labten sich glitzernde Fische an herumschwebenden Nährstoffen. Seepferdchen glitten mit einem zarten Lächeln vorbei, während Rochen ihre Schatten auf ein Korallenriff warfen.

Schmale, halb durchsichtige Säulen, die ein elektrifiziertes Flimmern umgab, strebten zu Abertausenden vom Grund hinauf. Daneben lag ein prunkvolles Königreich aus pyramidenförmigen Energiekristallen, in denen sich unzählige, weitere goldene Wesen tummelten. Als sie Theo bemerkten, strömten sie auf ihn zu, in immer größer werdenden Schwärmen, aus allen Richtungen kommend, bis er sich in einem magischen Ring von Millionen leuchtenden Quallenwesen eingeschlossen sah.

Ein rhythmisches, mechanisches Summen ging von ihnen aus, das sich immer mehr verdichtete und schließlich zu einem einzigen Ton verschmolz, der das Wasser in eine sonderbare Vibration versetzte. In einem Moment plötzlicher Geborgenheit, sah er wieder Claras Blick vor sich, sah die zarten Fältchen, die sich um ihre Augen bildeten, wenn sie lächelte. Da ließ Theodor los, was sich in ihm über die Jahre verkrampft hatte. Endlich lächelte er zurück.

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