Hildegards Hirngespinst

Es konnte nicht mehr lange dauern, dann würde sie sterben. Das spürte Hildegard ganz deutlich. Vielleicht in ein paar Wochen. Vielleicht in ein paar Tagen. Vielleicht morgen. Vielleicht heute.

Wieso auch nicht? Was war schon der Tod, so pflegte sie immer zu sagen, gegen 82 Jahre Leben. Irgendwann ging es eben zu Ende. Außerdem tat ihr schon alles weh. Der Ischias, meinte der Doktor, damit müsse sie sich abfinden, sei eben so mit 82. Jaja, der Bursche machte es sich ganz schön einfach. Allein, sie wollte sich nicht beklagen. Eigentlich hatte sie es ja ganz gut erwischt. Sie war zwar an ihren Rollstuhl gefesselt. Aber wer in ihrem Alter konnte schon von sich behaupten, noch so fit im Kopf zu sein? Sie kannte jedenfalls niemanden. Es gab Menschen, die waren halb so alt und schon nicht mehr ganz bei Sinnen – wie ihr Sohn beispielsweise.

Der warf ihr nämlich vor, dass sie vom „richtigen Leben“, wie er es nannte, nichts verstünde. Dass sie ihn mit ihren Träumereien und Hirngespinsten zu einem Nichtsnutz hätte erziehen wollen. Und dass sie selbst nie erwachsen geworden wäre. Ja, so einen Unfug redete der, das musste man sich mal vorstellen. Ihr eigener Sohn. Der sich neuerdings ganz wichtig vorkam. Und sie kaum noch im Altersheim besuchte, seitdem er vor einigen Jahren Vater geworden war. Soweit käme es noch, hatte er sie am letzten Weihnachtsfest angeblafft, dass sie mit ihren Hungerleiderideen auch noch den Enkel belästigte. Das könne sie sich abschminken, da würden jetzt „andere Wertmaßstäbe“ angelegt. Ja, so einen Unfug redete der, ihr eigener Sohn. Aber nein, sie wollte sich doch nicht beklagen. Es hatte sie ja eigentlich ganz gut erwischt. Nur: Einfach so dasitzen und auf den sicheren Tod warten, das konnte es ja auch nicht sein. Fliegen müsste man können, dachte Hilde. Dann würde sie einfach die Fenster aufreißen, hinaus hopsen und schon ließe sich Etwas erleben. Und so kam sie plötzlich auf eine seltsame Idee.

Mit ungeahnter Kraft schob sie ihren Rollstuhl aus der Versenkung, die er im beigen Teppichboden bereits hinterlassen hatte. Öffnete unter einem fürchterlichen Knarzen die Schranktür. Beugte sich unter stechenden Rückenschmerzen nach vorne. Und schaffte es tatsächlich, den alten Flugdrachen hinter ihren Kleidern hervor zu angeln; jenes uralte Modell, das ihr Sohn schon hatte steigen lassen, als er noch klein war. Seither hatte sie es für ihn immer an einem sicheren Ort aufbewahrt. Es ließ sich aus drei Plastikteilen zusammen stecken und besaß nur eine Leine, die an seinem Rumpf befestigt war. Damals, da war ihr Sohn noch die Starthilfe gewesen. War voller Freude immer wieder losgerannt, bis der Drachen wie von Zauberhand in der Luft schwebte.

Jetzt hingegen dauerte es schon eine gefühlte Ewigkeit, bis Hilde das Ding überhaupt erst einmal zusammen gesteckt bekam. Ihre Hände zitterten, sie begann zu schwitzen und das Herz schlug ihr darüber bis zum Hals. Immerhin war der Pfleger noch nicht gekommen, um das Fenster wieder zu schließen, das er wie jeden Morgen zum Durchlüften geöffnet hatte. Gab sicher Wichtigeres. Zumal das Personal chronisch unterbesetzt war. Kein Wunder, kicherte Hilde, wen kümmern schon wir Alten. Mit dem Gehstock gelang es ihr, das Fenster weiter aufzuschieben – aufzustehen stellte sie hingegen vor Schwierigkeiten. Die Beine knacksten, als drohten sie jeden Moment, wie ein Spielturm aus Holzsteinen in sich zusammenzufallen. Kaum hatte sie den Drachen auf die Fensterbank gestellt, plumpste sie stöhnend auch schon wieder zurück in den Rollstuhl. Erst einmal verschnaufen. Dann schob sie sich ein paar Meter zurück, um Schnur von der Kordel zu rollen. Doch wie sehr sie anschließend auch daran zog, es passierte: natürlich nichts. Zu allem Übel kippte der Drachen auch noch um, machte eine Bruchlandung und zerfiel wieder in seine Einzelteile. Da kroch an Hilde eine bleierne Müdigkeit hoch. Die Augen wurden ihr schwer und der Kopf fiel ihr auf die Brust. Reiß dich gefälligst zusammen du alte Schachtel, schimpfte sie noch mit sich. Aber es umfing sie schon ein tiefer, traumloser Schlaf. Als sie wieder erwachte, ging gerade erst die Sonne auf. Irgendwo in der Ferne funkelte noch ein einzelner Stern. Und an der Kordel, die sie immer noch in der Hand hielt, zerrte eine seltsame Kraft.
 
So flog Hilde zum Fenster hinaus. Klammerte sich zunächst noch ängstlich mit beiden Händen an die Kordel, beruhigte sich dann nach und nach und glitt schließlich sanft über die Häuser der Stadt hinweg. So erreichte sie schon bald jene Orte der Stadt, die ihr über die letzten Jahrzehnte besonders ans Herz gewachsen waren: ihre alte Wohnung, den Altbau ohne Fahrstuhl. Den Marktplatz, über den sie schon als junge Frau flaniert war. Und schließlich den Park mit dem verwitterten Flakturm, bei dessen Anblick ihr immer ein kalter Schauer über den Rücken lief. Ganz schön anstrengend, so herum zu fliegen, bemerkte Hilde da und landete erst einmal auf dem Flachdach eines alten Süßwarenhändlers.
Zu ihrer Freude leistete ihr sogleich ein Spatz Gesellschaft, der sich wie ein alter Freund zu ihr auf die Dachrinne setzte, um ein Liedchen zu trällern – bis sich auf der Straße ein Auto voran hupte und der Spatz Reißaus nahm. Wie laut die Stadt doch war, dachte Hilde und das schon so früh am Morgen. Sie ließ ihren Blick schweifen: Junge Menschen hetzten über den Bürgersteig, starrten gebannt auf die kleinen Bildschirme in ihren Händen, oder tippten darauf herum, als hänge ihr Leben davon ab. Als hätten sie gar nichts mehr, wunderte sie sich, woran sie noch glaubten.

Endlich raffte sie sich wieder auf; zurück ins Altersheim, damit sich niemand Sorgen machte. Aber vorher gab es noch eine Kleinigkeit zu erledigen. Der Drachen brachte sie sicher in die Innenstadt, zum Wohnzimmer-Fenster ihres Sohnes. Doch: Keine Spur von dem Bengel. Lag wohl noch im Bett. Dafür spielte der Enkel so selig mit seinen Legosteinen, dass es einer Unmöglichkeit glich, sich von seinem Anblick zu lösen. Sie winkte ihm zu, doch gerade als er sie zu bemerken schien, wurde Hilde durch ein hässliches Klopfen aus ihren Gedanken gerissen. Sie sah sich wieder im Rollstuhl in ihrem Zimmer sitzen. Komisch, stutzte sie, während die Erinnerungen an ihren Ausflug bereits verblassten. Es musste sich wohl um eines dieser Hirngespinste gehandelt haben, von denen ihr Sohn immer sprach.
 
Es klopfte noch einmal. „Was denn?“, knurrte Hilde. Der Pfleger trat ein, schloss das Fenster und holte sie zum Mittagstisch ab. Es sei höchste Zeit, ließ er sie wissen, im Essensraum herrsche bereits reger Betrieb. Allein, es gab Linsensuppe – und Linsensuppe mochte Hilde gar nicht. Trotzig stocherte sie darin herum. Linsen löffeln und dem letzten Sommertag dabei zusehen, wie er langsam verging: Das konnte es doch wirklich nicht sein. Missmutig blickte sie zum Fenster hinaus. Die Sonne brannte auf den Asphalt und am Himmel stand keine einzige Wolke. Nur von nebenan wehte der dichte Rauch der Müllverbrennungsanlage herüber. Na klar, versuchte sie sich selbst aufzuheitern, die beste Nachbarschaft für ein Altersheim: Kam doch bei beidem aufs Gleiche raus. Doch das Kichern blieb ihr diesmal im Halse stecken.

Der Pfleger kam, um sie zu fragen, ob sie ihre Suppe noch aß. Wie doch die Zeit raste: Außer ihr waren nur noch diejenigen im Essensraum zurückgeblieben, welche die Mahlzeit vor gewisse motorische Schwierigkeiten stellte – also meistens dickköpfig sabbernde Herren, die richtig ungemütlich wurden, wenn das Personal ihnen Hilfe anbot. Hilde versuchte sogleich, auf andere Gedanken zu kommen. Wenn sie sich doch nur an ihre kleine Träumerei von vorhin erinnern könnte. Aber welche Bilder auch immer ihr zugeflogen waren, von ihnen war nichts mehr zurückgeblieben.

Erneut näherte sich der Pfleger ihrem Tisch. „Sie können sich ihre Suppe gefälligst sonst wohin…“, wollte Hilde schon aufbrausen, als sie plötzlich verstummte. Der Pfleger hatte Gäste im Schlepptau, nämlich ihren Sohn, der leise Schmunzelnd den rotbackigen Enkel auf seinem Arm hielt. „Was macht ihr denn hier?“, fragte Hilde skeptisch, denn sie fürchtete, dass sie einen weiteren Tiefschlag an diesem Tag nicht verkraften würde. „Du wirst es mir nicht glauben“, antwortete ihr Sohn, „aber als mich heute Morgen dein lieber Enkel voller Aufregung zum Wohnzimmerfenster rief, da…“. „Ja?“, fragte Hilde. „Ach, nicht so wichtig…“, stockte er, „hast du eigentlich noch meinen alten Flugdrachen? Ich dachte, wir könnten heute einen Ausflug zu dem Park mit dem alten Flakturm machen“. „Sehr gerne!“, rief Hilde, der in diesem Moment war, als sei 82 doch auch nur eine Zahl wie jede andere.

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