Martin auf dem Schicksalsberg

Immer wenn ihn die wöchentliche Arbeitsroutine anzuöden begann – also spätestens Dienstags Nachmittags – verlor sich Martin stundenlang in den Tiefen des Internets. Er las dann die neuesten Artikel der eingängigen Nachrichtenportale, scrollte durch die sozialen Netzwerke, spielte Browsergames, oder besuchte die eine oder andere Schmuddelseite.

Um sich dabei nicht erwischen zu lassen, hatte er selbstverständlich einige Vorkehrungen getroffen. Denn Martin war ja nicht blöd. So fand er beispielsweise heraus, mit welcher Tastenkombination er im Nu seinen Bildschirm ausschalten konnte, wenn sich jemand seinem Arbeitsplatz näherte. Nur manchmal, da beschlichen ihn gewisse Schuldgefühle. Schließlich behauptete er von sich selbst, ein ordnungsgemäßes, ja durch und durch rechtschaffenes Leben zu führen. Nicht zuletzt deswegen erfreute er sich unter den Kollegen größter Beliebtheit. Immer war er für einen Spaß zu haben. Nie eckte er an.

Was würde man also von ihm halten, wenn man herausfand, was er da so trieb, an seinem Arbeitsrechner? Und selbst wenn man es nicht herausfand: Wog der Betrug dann nicht ebenso schlimm?

Wenn ihn sein Gewissen derart plagte – was freilich selten vorkam – schloss Martin pflichtschuldig seinen Browser und füllte die Excel-Tabellen aus, wie es ihm aufgetragen war. Allein, nach wenigen Minuten war auch diese Arbeit schon wieder getan. Während das Telefon stumm und das E-Mail-Postfach leer blieb.

Die Miene seines Kugelschreibers hinaus und wieder hinein fahren lassend, trippelte er mit den Füßen auf dem Boden herum und schaute aus dem winzigen Bürofenster, durch das kaum Licht fiel. Endlich öffnete er erneut seinen Browser und tauchte wieder ein in die bunte Welt des Internets. Und so ging es hin und her, Tag für Tag, Woche für Woche. Längst hatte er gelernt, sich mit den Dingen abzufinden. Ich sollte zufrieden sein, sagte er sich, wenn er pünktlich um 17 Uhr seine Karte abstempelte und das Büro verließ.

Eines Tages jedoch – er befand sich gerade wieder auf einer seiner digitalen Erkundungstouren – da stieß Martin auf ein Video, das sein Leben ordentlich ins Wanken bringen sollte.

***

An jenem Tag hatte er sich – ohne es recht zu wollen – in den Weiterempfehlungen von YouTube verloren. Dabei war er eigentlich nur auf der Suche nach einem Trailer für einen neuen Kinofilm gewesen. Stattdessen landete er bei einer seltsamen „Herr der Ringe“-Filmtheorie. Ein User stellte darin die Frage, warum Frodo nicht mit den Adlern zum Schicksalsberg geflogen wäre. Sie hätten ihn ja auch ohne Probleme von dort zurück gebracht. Mehr noch, der User behauptete, dass Gandalf – kurz vor seinen Absturz mit dem Balrog von Moria – Frodo eben dies geraten hätte. Im Original, so der User, hieße es nämlich nicht „flieht, ihr Narren!“, sondern „fly, you fools“.

Martin erschrak nicht schlecht. Wie oft er die Filme gesehen hatte, er wusste es kaum zu zählen – jedenfalls viel zu oft. Doch auf diesen Gedanken war er noch nie gekommen. Er zermarterte sich den Kopf, wie es die Bücher mit der entsprechenden Stelle hielten. Denn auch diese hatte er mehrfach gelesen. Nur erinnern wollte er sich nicht. Wann hatte er das letzte Mal eines der Bücher in den Händen gehalten? Es musste Ewigkeiten her sein. Damals arbeitete er noch nicht bei der Stadtverwaltung. Trug noch keine Wampe vor sich her. Und war noch keine Ehe eingegangen, die einem Scherbenhaufen glich.

Damals, zu Studienzeiten, da galt er noch als Einzelgänger. In den Seminaren sah man ihn üblicherweise in der ersten Reihe sitzen. Mit dem Arm in der Luft halb über den Tisch gelehnt, in der Hoffnung vom Professor endlich drangenommen zu werden. Manchmal schnippte er unter den bösen Blicken der Kommilitonen gar mit den Fingern. Oder gab stöhnende Laute von sich.

Mehrfach schimpfte man ihn einen Streber, oder machte sich über ihn lustig. Aber er gewöhnte sich daran. Und zog sich mehr und mehr in seine Phantasiewelten zurück. Die Bücher Tolkiens wurden ihm in dieser Zeit zu besten Freunden. Im Auenland fand er endlich die Geborgenheit, die ihm das Studentenleben so oft versagte.

Mit Wehmut dachte er jetzt an damals zurück. An die Tage in seiner Bücherhöhle, in der er Eldarin, die Sprache der Elben, gelernt hatte. An die Tage, an denen er selbst zum Helden aufstieg. Und an Frodos Seite zum Schicksalsberg wanderte. Wenn es auch keine einfache Zeit gewesen war – irgendwie vermisste er seine alten Träumereien. Seine alten Freunde aus einer anderen Welt, die ihm immer treu zur Seite gestanden hatten. Wie viel Kraft man doch daraus ziehen konnte, wunderte er sich, niemandem gefallen zu müssen.

Aber nun kam wie aus dem Nichts dieser YouTube-User mit dem dämlichen Namen daher und behauptete, Frodos ganze Reise sei überhaupt nicht nötig gewesen. Was erlaubte er sich? Martin wurde darüber ganz anders.

***

Auch nach Feierabend ließ ihn die ganze Sache nicht los. Das Abendessen rührte er kaum an. Saß nur da und stocherte lustlos mit seiner Gabel darin rum. Bis er die fragenden Blicke am Tisch bemerkte und sich dann doch dazu entschied, alles runter zu würgen.
Abwesend kauerte er später auf dem Sofa und starrte auf den Fernseher. Irgendein Schund lief. Während es in seiner Brust sonderbar zu ziehen begann. Was war nur mit ihm los? Er konnte es sich kaum erklären. So in etwa mussten sich die Gefährten gefühlt haben, dachte er, wenn sie von den Nazgûl, den Wesen des Schattens, mit ihrem schwarzem Atem bedrängt wurden.

Endlich neigte sich der Tag dem Ende zu. Martin hoffte, dass es ihm gelingen würde, über Nacht alles hinter sich zu lassen. Dass ein neuer Tag ihm einen frischen Blick auf die Dinge brachte. Doch er konnte nicht einschlafen. Hellwach lag er am äußeren Rand des Bettes, an den ihn seine Frau vor Jahren verbannt hatte, sah an die Decke und dachte nach. Wenn sich tatsächlich die Möglichkeit ergeben hätte, wie der YouTube-User behauptete, hätte Frodo dann wirklich die Adler zur Hilfe genommen? Hätte er auf den ganzen Schmerz seines Marsches, aber somit auch auf das ganze Abenteuer verzichtet? Was hätte er, Martin, an Frodos Stelle getan?

Wenn er jetzt so darüber nachdachte, dann behagte ihm diese Frage ganz und gar nicht. Er fühlte sich auf seltsame Weise ertappt. Als hätte sich jemand Eintritt verschafft zum Zimmer seiner tiefsten Geheimnisse. Als läge mit einem Mal alles offen da, was er über die Jahre sorgsam in sich verborgen hatte. Ärger wallte in ihm auf. Wie sehr kotzte sie ihn plötzlich an, seine eigene Bequemlichkeit. Ihm war, als lebte er wie ein Gefangener in einem selbst gebauten goldenen Käfig. Wie einer, der immer den Weg des geringsten Widerstandes einschlug, anstatt ein für alle Mal sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Da packte es ihn. Morgen, hob seine innere Stimme entschlossen an, morgen starte ich neu. Mit meiner Frau werde ich ein klärendes Gespräch führen. Alles aussprechen, was zwischen uns steht. Und dann werden wir Urlaub machen. So wie wir es uns immer ausgemalt haben. Richtig Urlaub machen. Werden nach Neuseeland fliegen. Und uns auf die Spuren Frodos begeben.

Aber erst einmal, dachte Martin während er sich schwerfällig auf die Seite drehte, sollte ich eine Nacht darüber schlafen.

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Diese Kurzgeschichte erschien im Original in hEFt Ausgabe Nr. 51, die für das Thema „Flieht, ihr Narren!“ um Einsendungen ersuchte.

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